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dimanche 24 mars 2024

Septembre 1933, deux regards juifs conflictuels sur la situation politique allemande (retranscription originale des articles de journaux)

 

En septembre 1933, deux Juifs roumains d’expression allemande portent un regard clairement conflictuel sur la politique menée par l'État national-socialiste à l’égard de la communauté juive allemande.

Manfred Reifer est né le 1er avril 1888, à Moldauisch Banilla (actuellement Banyliw-Pidhirnyj en Ukraine), à environs 50 km de Czernowitz (actuellement Tchernivtsi en Ukraine) en Bucovine (Autriche-Hongrie). Juif, il résidait, avec sa famille, à Cernauti en Roumanie (l’ancienne Czernowitz austro-hongroise et l’actuelle Tchernivtsi). Il fut historien, journaliste, propriétaire de journal et possédait le titre de docteur en philosophie. Il travailla avec des figures dirigeantes du Mouvement Sioniste. Suite à l’incorporation de la ville de Czernowitz à la Roumanie après la 1ère guerre mondiale, il fut membre du parlement roumain. Pendant la 2e guerre mondiale, sa famille demeura à Cernauti où leur actifs furent saisis par les forces allemandes, y compris le journal. Sa famille fut arrêtée, préparée à la déportation en Transnistrie, laquelle fut reportée suite à l’attaque cardiaque que subit Manfred Reifer et à laquelle il survécut. La famille Reifer resta à Cernauti pendant toute la guerre. Enfin, elle émigra en Palestine en 1945. Manfred Reifer mourut le 21 mars 1952 et son épouse en 1983, tous deux à Tel Aviv, en Israël.

Url sources des informations biographiques : https://www.crt-ii.org/_awards/_apdfs/Reifer_Manfred.pdf et https://www.bukowina-portal.de/de/ct/148.

Url source de l’image : http://kramerius.difmoe.eu/search/i.jsp?pid=uuid:d9dd4309-83de-470b-81d3-a9f89adba6fa

Dr Manfred Reifer

Dr. Manfred Reifer:

Die Schicksalsfrage der deutschen Juden

Das Problem des Diaspora-Menschen — Schiffbruch der Assimilation

 

I.

Der historische Prozeß *)

*) Wir publizieren gerne die vorstehende, bemerkenswerte Arbeit unseres gesch. Mitarbeiters, Doktor Manfred Reifer, müssen aber hier feststellen, daß wir uns mit dessen Inhalt nicht identifizieren können.

Die heutige Lage der deutschen Juden bildet den Abschluß eines geschichtlichen Prozesses. Es ist dies eine Entwicklung, deren Anfänge in die Zeit Bismarks verlegt werden können. Es mußte so kommen, wenn man den tiefen historischen Sinn dieser antisemitischen Bewegung, deren stärkter Exponent Adolf Hitler ist, erfragt. Wer des nicht voraussah, war mit Blindheit geschlagen, der hatte nicht Sinn, noch Verständnis für eine wichtige Beurteilung der Lage. Man suchte sich über die Ereignisse hinwegzusetzen und verfuhr dabei nach dem vulgären Prinzip: „was man nicht will, daran glaubt man nicht.“ Das war eine leichte Methode, tiefgehenden Fragen aus dem Wege zu gehen, die Welt mit rosicher Brille anzusehen. Wieder waren es die alten Assimilanten, welche die Dinge zu verschleiern suchten und ihre letzte Karte auf den längst zu Grabe getragenen Liberalismus setzten. Sie verstanden nicht den Gang der Geschichte u. glaubten ihm dadurch aus dem Wege zu gehen, daß sie sich als Deutsche mosaischer Konfession deklarierten, daß sie den Bestand einer jüdischen Nation negierten, daß sie alle Fäden, die sie mit dem Judentum verbanden, zerrissen, daß sie das Wort „Zion“ aus ihren Gebetbüchern strichen und den Sonntagsgottesdienst einführten. Den Antisemitismus betrachteten sie als eine vorübergehende Erscheinung, die durch eine intensive Aufklärungsarbeit, durch Gründung eines Vereines zur Bekämpfung desselben beseitigt werden wird. So dachte die große Mehrheit der deutschen Juden. Und deshalb die Enttäuschung, die tiefe Resignation im Zusammenhang mit dem Siege Hitlers, deshalb die namenlose Verzweiflung, die um sich greifende Psychose, die in Selbstmorden ausartete, das vollständige In-Sich-Zusammenbrechen.

Wer aber die Verhältnisse in Deutschland nach dem Kausalitätsprinzipe beurteilt, der wird die Nazi-Bewegung als den Abschluß einer natürlichen Entwicklung ansehen müssen, der wird auch begreifen, daß die Geschichte keine Zufälle kennt, daß jede Epoche durch die vorhergegangene bedingt ist. Und hier liegt der Schlüssel zur Beurteilung der gegenwärtigen Lage. Der Kampf gegen das Judentum wird in Deutschland seit nicht als einem halben Jahrhundert intensiv und mit deutscher Gründlichkeit geführt. Der wissenschaftliche Antisemitismus hat auf deutschen Boden seine Wurzel geschlagen. Von hier aus wurden die Ideen von der jüdischen Rassenminderwertigkeit und des Rassenhasses verbreitet. Das antisemitische Rüstzeug, das in deutschen Landen geschaffen wurde, übernahmen die Judenasser [sic] der anderen Länder ungefähr in dem Maße, wie die Deutschen das römischen Recht rezipiert haben. In Berlin sind die Debatloge des Antisemitismus geboren worden.

All dies wollten die deutschen Juden nicht sehen. Sie wiegten sich in falschen Hoffnungen, übersahen die Wirklichkeit und träumten vom Weltbürgertum, von der Zeit Dohms, Lessings und Mendelsohns. Die entwurzelten Juden gaben sich phantastischen Ideen hin und gingen kosmopolitischen Träumen nach. Und dies äußerte sich in zweifacher Art: entweder sie jubelten dem allgemeinen Liberalismus zu aber sie wurden Fahnenträger des Sozialismus. Beide Betätigungsgebiete gaben dem Antisemitismus immer neuen Nährstoff.

II.

Das Verhängnis

Im besten Glauben, sich und der Menschheit zu dienen, begannen die Juden, aktiv ins Leben des deutschen Volkes einzugreifen. Sie warfen sich mit echt jüdischer Leidenschaft auf alle Wissensgebiete, stürzten sich auf die Presse, organisierten die Arbeitermassen und bemühten sich, das gesamte geistige Leben im Sinne des Liberalismus und der Demokratie zu beeinflussen. Selbstverständlich mußte dies eine tiefe Reaktion heim Wirtsvolke hervorrufen. Wenn die Juden beispielsweise in die sogenannten internationalen Disziplinen eingriffen, wenn sie auf dem Gebiete der Mathematik, der Physik, Chemie, Medizin, Astronomie und zum Teile auch auf dem der Philosophie Außerordentliches, hervorragendes leisteten, so konnten sie höchstens den Neid ihrer arischen Kollegen hervorrufen, nicht aber den allgemeinen Haß der ganzen Nation. Man sah es nicht gern wenn Juden Nobelpreisträger wurden, aber man nahm es stillschweigend hin. Ganz anders verhält es sich aber auf den Gebieten der nationalen Disziplinen. Hier bemüht sich jedes Volk, seine ureigenen Kräfte zu entwickeln und den gegenwärtigen und kommenden Geschlechtern die Früchte der völkisch-geistigen Arbeit zu vermitteln. Es ist für ein Volk nicht gleichgültig, wer in der Presse seine Weihnachtsartikel schreibt, wer in die Messe liest, wer zum Kirchgang mahnt. Jedes Volk, und erst recht das deutsche, wünscht, daß seine Jugend in seinem Geiste erzogen werde. Sie soll deutsche Musik fördern, deutsche Bücher lesen, deutsche Maler und Bildhauer studieren, sich an rein deutsche Art ausleben. Und dies kann ihr niemand verargen. Während also große Teile des deutschen Volkes für die Erhaltung ihrer Art kämpften, erfüllten wir Juden mit unserem Geschrei die Gasse Germaniens. Wir spielten uns als die Weltverbesserer auf und suchten durch unsere Ideen das öffentliche Leben zu beeinflussen. Wir läuteten die Glocken und riefen zu stillem Gebete, wir Juden bereiteten das „Abendmahl“ vor und wir feierten die Auferstehung. Wir schrieben in der Presse Weihnachts- und Osterartikel und servierten dem deutschen Volke seine Religion in unseren, in jüdischen Gefäßen. Und dagegen wehrte sich das Wirtsvolk und kämpfte gegen den jüdischen Einfluß, gegen die Judenpresse. Jüdische Komponisten drangen in die Kirche ein, schrieben Kirchenmusik (Mendelssohn-Bartholdy), jüdische Maler führten die deutsche Jugend zur Kunst (Liebermann), jüdische Dichter sprachen zum deutschen Volke und versuchten, die deutsche Art zu versinnbildlichen und blieben leßten Endes Juden, alle ohne Ausnahme : Heine, Börne, Wassermann, Zweig, Beer-Hoffmann, Schnißler, Emil Ludwig . . . . .

Und gegen diese Verjudung der arischen Art, des deutschen Wesens wehrte sich die Nation: Was sollen die Verse Heines dem deutschen Volke bedeuten!

Und alle die Tränen sie fließen in stillen Verein,

Sie fließen und ergießen sich in den Jordan hinein“

Etwa, daß der Jordan nicht der Rhein, der symbolische Strom Deutschlands sei??

Wir spielten mit den heiligsten Gütern des deutschen Volkes und trieben zuweilen auch noch Spott mit all dem, was der Nation heilig ist. Wir bauten auf die ehernen Rechte der Demokratie und fühlten uns als gleichberechtigte Staatsbürger innerhalb der deutschen Gemeinschaft. Wir spielten uns als die Sittenrichter des deutschen Volkes auf und gossen aus vollen Schalen Satyren über das Haupt des deutschen Michel. Der Radierer George Grosz zerrte das ganze deutsche Volk mit seinem „Ecce Homo“ in den Kot und blieb nicht einmal vor dem deutschen Gott stehen. (Das Bild „Jesus mit der Gasmaske", das öffentliches Aergernis erregte, und ein gerichtliches Nachspiel zur Folge hatte.) Wir wollten Propheten in den heidnischen Gefilden Germaniens sein und vergaßen uns so weit, daß es zu unserem Verhängnis werden mußte.

Wir machten Revolutionen und liefen als ewige Gottsucher den Massen des deutschen Volkes voran. Wir gaben dem internationalen Proletariat eine neue Bibel, eine der Zeit entsprechende, und wühlten die Leidenschaften des dritten Standes auf. Marx hat von Deutschland aus dem Kapitalismus den Krieg erklärt und Lassalle in Deutschland selbst die Massen des deutschen Volkes organisiert. Der Jude Eduard Bernstein hat die Ideologie popularisiert, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die Spartakistenbewegung ins Leben gerufen. Der Jude Kurt Eisner hat die bayerische Räterepublik geschaffen und war ihr erster und letzter Präsident. Und dagegen lehnte sich die deutsche Nation auf , revoltierte. . . Sie wollte selbst ihr Schicksal schmieden und selbst ihre Zukunft, die Zukunft ihrer Kinder bestimmen. Und das durfte ihr nicht verargt werden.

Wogegen wir uns auflehnen, ist in erster Linie das Weltbürgertum, welches Juden zu Vorkämpfern hat. Diese entwurzelten Menschen glauben die Kraft zu besitzen, die Ideene Jesias in die Gasse Germaniens verpflanzen zu können und mit Amos die Walhalla zu stürmen. Zuweisen gelingt ihnen dies, allein sie begraben sich und das jüdische Volk unter den Trümmern einer zusammengebrochenen Welt.

III.

Die Gottsucher in den Sowiets

Man muß den Kampf des Hitlerregimes von einer anderen Warte aus begreisen und ihn verstehen lernen, wenn man ihn nicht entschuldigen und noch weniger gutheißen kann. Haben wir Juden uns nicht gegen alles Fremde aufgelehnt und blutige Kriege geführt! Was waren denn die Makkabäerkämpfe anderes als ein Protest gegen fremde, unjüdische Art! Und worin bestand der ewige Kampf der Propheten? Doch in nichts anderem als in der Entfernung des fremden Wesens, der fremde Götter und in der Heilig-haltung des Urwesens des Judentums. Haben wir uns nicht gegen die stammesverwandten Könige aus dem Hause der Idumäer aufgelehnt? Und haben wir nicht die Samaritaner aus unserer Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie Mischehen eingingen? Und warum sollen es die deutschen Nationalisten nicht tun, wenn ein Kurt Eisner die Prärogativen der Wittelsbacher sich aneignet? Wir müssen lernen, den Gang der Geschichte zu verstehen, wenn dieser Weg auch mit jüdischem Blute bespritzt ist. Wir müssen lernen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und die letzen Konsequenzen ziehen.

Wir möchten keine fallschen Propheten sein, allein den Tatsachen aus dem Wege gehen, bedeutet noch keineswegs eine Lösung des Problems. Was sich heute in Deutschland abspielt, das kommt morgen in Rußland. Für alle Verbrechen, die das kommunistische System zur Folge hatte, werden die Juden Sowjetrußlands einmal zu büßen haben. Es wird uns sehr teuer zu stehen kommen, daß Trotzki, Joffe, Sinowjew führende Posten in Sowjetrußland innehatten. Auch hier stürzten sich jüdische Männer und Frauen mit echt jüdischer Leidenschaft in die vorderste Front des sogenannten Freiheitskampfes und setzten ihren Stolz darein, sie ersten Opfer im Barrikadenkampfe zu bringen. Und dafür werden wir schwer büßen, denn hier handelt es sich um dasselbe System wie in Deutschland, nur in roter Uniform. Wurde etwa in Sowjetrußland nicht mehr als in Deutschland gegenüber demokratischen Formen gesündigt? Während in Deutschland Hitler im Wahlkampfe eine Regierungsmajorität erreicht hatte und erst dann zu seinen schändlichen Taten überging, war in Sowjetrußland davon niemals die Rede. Hier proklamierte eine kleine Minderheit — heute nach 15 Jahren kaum 4 Millionen Organisierte bei einer Bevölkerungszahl von zirka 150 Millionen — die Diktatur des Proletariats und übte eine Regierungsmaxime, die Hitler sich zum Vorbild nahm. Standrechtliches Erschießen, Konzentrationslager, Verbannung, Zensur, G. P. U., das sind die bekannten Methoden des russichen Proletariats, wenn auch zugegeben werden muß, daß dieselben international praktiziert werden und nicht allein Juden betreffen. Immerhin führten auch diese „humanen“ Methoden und Praktiken, welche entschieden den Antisemitismus ablehnten, zur Katastrophe. zum [sic] vollständigen Ruin des russischen Judentums. Troz der sogenannten Industrialisierung und Kolonisierung der Juden in Sowjetrußland kann niemand die Tatsache bestreiten, daß zwei Millionen Juden buchstäblich zugrunde gegangen sind, respektive zugrunde gehen. Hand in Hand mit dem wirtschäftliche Zusammenbruch ging auch die jüdisch-hebräische Kultur in Räterußland unter. Die junge Generation, im Geiste Lenins erzogen, spricht und schreibt russisch. [sic] geht in russischer Kultur auf, denkt und füllt russich. Es vollzieht sich ein ungeheuerer Assimilationsprozeß, der böse Folgen haben wird. Die Juden versuchen auch in Räterußland, Künder und Verkünder neuer, unbedingter Wahrheiten zu sein, sie bemühen sich, die bolschewitische Bibel zu interpretieren und die Denkweise des russischen Volkes beeinflussen. Ein Prozeß, der schärfsten Widerspruch hervorruft und schon heute zu antisemitischen Entartungen führt. Was wird erst geschehen, wenn die Räteregierung gefallen sein und die Demokratie in Rußland ihren feierlichen Einzung halten wird? Wird es den Juden besser ergehen, als es ihnen heute in Deutschland ergeht? Wird man nicht in den Trotzkis, Kamenews, Sinowjews etc. ihre alten jüdischen Namen entdecken und die Kinder für die Sünden ihrer Väter büßen lassen? Oder wird es nicht einmal so lange dauern, so daß die Väter selbst noch an die Reihe kommen werden? Gibt es hiefür wenige Beispiele? Haben nicht tausende Juden in Ungarn ihr Leben verloren, weil Bela Kun auf dem Boden Stefan des Heiligen eine Räterepublik errichtete? Die ungarischen Juden haben sein Prophetentum sehr teuer bezahlt. Dieses ewige Gottsuchertum, diese ewige Sucht nach Erlösung ist rein jüdisch, typisch jüdisch, ein Produkt der Diaspora, geboren aus der ewigen Ohnmacht, sich selbst, dem jüdischen Volke zu helfen. Und da wird der Rahmen gesprengt. Hilfe der Allgemeinheit, Rettung der Menschheit und dadurch auch des jüdischen Volkes. Die jüdische Internationalität feierte ihre Geburtsstunde. Entwurzelte, heimatlose Menschen suchen in der ganzen Welt eine Heimat — die Heimat der gesamten Menschheit. In der Internationalen ercheinen die Juden als das radikalste Element. Deutsche, Franzosen, Polen, Tschechen haben eine Heimat und ihre Internationalität lebt sich in Deutschland, Frankreich, Polen, Czechien aus, ihr Sozialismus ist bodenständig, heimatsberechtigt. Dies zeigt sich auch im praktischen Leben. Die Deutschen verbrannten im Jahre 1914 im Tiergarten zu Berlin ihre roten Fahnen und zogen das Deutschlandlied singend in den Krief; der polnische Sozialist Daszynski stand in den ersten Reihen im Kampfe um die Wiederauferstehung Polens und die tschechischen Sozialisten fangen begeistert ihre Hatikwah — „Kde domov muj“, nur die Juden wollten nichts von ihrer Heimat wissen und fielen als vermeintliche Propheten, Gottessucher, Menschenbeglücker auf den Feldern der Freiheit: Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner, Gustav Landbauer, keinen Kaddosch wird man sagen, keine Messe wird man lesen. . .

Alle diese Apostel schaufelten in ihrem Wahn Massengräber für tausende unschuldige Juden in Deutschland, Opfer, unschuldige Opfer des Hitlerregimes. Sie und in gleichem Maße die Künder des Liberalismus, alle jene Dichter und Schrifsteller, Künstler, Journalisten bereiteten die heutige Zeit vor, nährten den Judenhaß, lieferten die Unterlagen, das Material für das Zeitalter des Nationalsozialismus. Sie alle wollten sicherlich das Beste, aber sie haben das Gegenteil erreicht. Sie waren mit Blindheit geschlagen und sahen nicht das Unheil kommen, hörten nicht den Schritt der Zeit, die schweren Schritte der Nemesis der Geschichte. (Ein Schlußartikel folgt.)

Référence : Czernowitzer Allgemeine Zeitung: unabhängiges Tageblatt. Cernăuți: Institut de Arte Grafice și Editură "Eminescu", 3 septembre 1933, 30 (8532), p. 10. Également disponible sur: https://www.difmoe.eu/uuid/uuid:451edd83-973e-4ccc-9532-2624dc4fcbff.

Dr. Manfred Reifer:

Die Schicksalfrage der deutschen Juden

Das Problem des Diaspora-Menschen — Schiffbruch der Assimilation

 

Bemerkung ber Redaktion: Wir bringen nachstehends die Fortsetzung des Artikels unsere geschätzten Mitarbeiter, Herrn Dr. Manfred Reifer, und können nicht umhin, folgende Bemerkung zu machen: Der erste Teil des Artikels, der in unserer Sonntagsnummer vom 3. September erschienen ist, hat viel Widerspruch in unserem Leserkreis hervorgerufen. Wir haben demgegenüber nur darauf zu verweisen, daß der Inhalt der Ausführungen des Herrn Dr. Reifer seiner persönlichen Anschauung entspricht und keinesfall auch von uns geteilt wird, weswegen wir auch in einer Fußnote zu diesem Artikel bemerkt hatten, daß wir uns mit diesen Ausführungen nicht identifizieren. Wir werden deshalb einer gegenteiligen Meinung in unserer Zeitung Raum geben, zumal auch wir die allgemeine Meinung teilen, daß die im ersten Teil des Artikel, des Herrn Dr. Manfred Reifer znm Ausdruck gebrachten Anschaungen nicht unwidersprochen bleiben dürfen.

IV.

Die letzte Konsequenz

Die alles mußte gesagt werden, damit wir künftighin alle diese begangenen Fehler vermeiden.

Man lernt Geschichte und man lernt aus der Geschichte. Es gilt, die letzten Konsequenzen zu ziehen und unser Leben so einzurichten, daß wir nirgends anstoßen und dabei aktiv mittun. Wie soll dies geschehen? Es gilt, einen modus vivendi zwischen der Mehrheits- und der Minderheitsnation herzustellen. Wir haben auf diesem Gebiete gerade in der Nachkriegszeit reiche Erfahrungen gesammelt. Zwei Wege standen dem jüdischen Politiker in der Diaspora offen: mit den Regierungen unter Preisgabe vieler nationaler Postulate oder selbständiger Kampf für die Rechte der Juden, Aufstellung von rein jüdischen Listen bei den Wahlen in die gesetzgehenden Körperschaften. Beide Wege wurden ausprobiert, beide haben ihre Vor- und Nachteile. Geht man mit der Regierung, arbeitet man am gesamten Getriebe des Staates mit, dann kann man hie und da irgendeine völkische Position erbetteln, allein der Volkscharakter wird korrumpiert. Die Juden gewöhnen sich daran, mit jeder Regierung zu gehen, schreiben sich in fremde, nicht-jüdsche Parteien ein und erscheinen vor Wahlen als politische Makler, als Händler mit jüdischer Ehre und Würde. Statt einer Minderheits, einer völkischen Politik, tritt das alte „Stadtlonessystem" in den Vordergrund. Das Volk verliert das Vertrauen zu seinen Führern, zu sich selbst und jagt Phantomen nach. Es wächst dann jener verächtliche jüd. Menschentyp heran, der von der Mehlheitsnation als Haus- und Hofjude, von der Minderheit, von der nationalbewußten, völkisch eingestellten Minderheit als Verräter gestempelt wird. Diese Art der jüdischen Politik ist die leichtere, die bequemere, dafür aber birgt sie in sich zentrifugale Kräfte, die am Bestande des Judentums rütteln. Aber auch diese absolute Mitarbeit mit der Mehrheitsnation, dieses Segeln unter fremder Parteiflagge, dieses unbedingte Anerkennen eines Herrenvolkes hat das Heil nicht gebracht. Immer wieder lehnt sich das völkisch, eingestellte Element der Mehrheitsnation gegen die Mitarbeit der jüdischen Minderheit auf, gegen ihr Nachlaufen in der Politik, gegen das Nachhinken in der Wirtschaft, in der schöngeistigen Literatur, in der Wissenschaft. Man verzichtet gerne auf uns und unsere Mitarbeit. Man komme da nicht mit dem Beispiele von England, Italien, Frankreich, die bei oberflächlicher Betrachtung unsere Behauptungen Lügen strafen könnten. Geht man der Sache auf den Grund, wird man sofort feststellen können, daß sie Ausnahmen nicht so sehr im Volkscharakter der betreffenden Nation liegt, als vielmehr in dem Umstand, datz die Juden in diesen Ländern eine verschwindende Minorität bilden (in ganz Italien wohnen weniger Juden als beispielsweise in Czernowitz) und nirgends besonders hervorstechen. Trotzdem sind schon Anfänge einer antijüdischen Bewegung auch in diesen Ländern zu verzeichnen. Sie wird mit der Vergrößerung der jüdischen Bevölkerung, mit der Zuwanderung ausländischer Juden — jetzt der deutschen! — gleichen Schritt halten.

Und nun zur zweiten Methode: jüdische Volkspolitik, Sie hat knapp nach Friedensschluß einen ungeahnten Aufschwung genommen. Die jüdischen „Folkisten" und „Autonomisten" sahen ihr Ideal verwirklicht, ihr Ziel erreicht. In Litauen wurde ein jüdisches Minderheitsministerium geschaffen, in den polnischen Sejm zogen 40 jüdische Abgeordnete ein. Es wurde ein großartiges Programm für die national-kulturelle Autonomie entworfen. Der „Bund" sah in Wilna ein neues Jerusalem entstehen. Die „feudale" Welt stürzte zusammen und auf ihren Trümmern wurde ein mächtiges Gebäude der Demokratie errichtet. Wieder wiegten sich die Juden in messianischen Hoffnungen. Um so größer aber war die Enttäuschung der jüdischen Massen, als nach kurzer Zeit die erkämpfte Freiheit zunichte ward. Das jüdische Ministerium in Litauen wurde aufgelöst, die Subventionen für bas jüdische Schulwerk stark gekürzt, vielen Schulen das Oeffentlichkeitsrecht entzogen, der Boykott gegen die jüdische Minderheit proklamiert und ein Kampf auf Leben und Tod begann, um die Juden aus den Poren der nationalen Wirtschaft zu verdrängen. In einer verhältnismäßig kurzen Zeit wurde die Oekonomik in den osteuropäischen Ländern vernichtet. Und trotzdem wird die jüdische Minderheitspolitik in Litauen. Lettland, Polen, Rumänien weiter betrieben. Es wurden fast gar keine Postulate durchgesetzt: das jüdische Schulwerk wird nicht gestützt, die jüdischen Gemeinden mit lächerlichen Beträgen subventioniert, jüdischen Intellektuellen ist der Zutritt zu den Staatsämtern nach wie vor versperrt. Dessenungeachtet änderte man den Kurs nicht, weil man die Erziehung der jüdischen Massen zum nationalen Selbstbewusstsein höher stellt, als die Erfüllung der einzelnen jüdischen Postulate, die die eine Regierung geben und die andere wieder nehmen kann. Im übrigen liegen gar keine Beweise dafür vor, daß der Anschluss an die einzelnen nichtjüdischen Parteien die Erfüllung auch nur einer einzigen Forderung nach sich gezogen hätte. Wohl wird dieser Weg dem einen oder anderen Juden persönliche Vorteile bringen, der Gesamtheit aber kann aus dieser Taktik sein Nutzen erwachsen.

V.

Das Wiegenlied des Zionismus

Mag sein, daß dieses Problem vielen neu erscheint, uns Zionisten ist das Lied von der abnormalen Lage des jüdischen Volkes in der Diaspora schon an der Wiege gesungen worden. All dies haben die zionistischen Ideologen vor mehr als 30 Jahren erkannt und diese Erscheinung in der abnormalen Schichtung des jüdischen Menschen im Wirtschaftsleben erblickt. Sie haben auch versucht, eine Lösung auf alle diese Probleme zu geben: Palästina. Welch ein Sturm erhob sich in allen Ländern, wo Juden wohnten! Die einen schrien, daß der Zionismus die Juden ins Ghetto zurückführen wolle, genau so, wie es auch heute noch manche jüdisch-assimilatorische Kreise, tun, indem sie die national-jüdische Volkspolitik, die Aufstellung rein jüdischer Listen bei den Wahlen in die gesetzgebenden Körperschaften als ein „Zurück ins Ghetto", als „Isolierungspolitik" bezeichnen, die anderen sprachen von einer Mission des jüdischen Volkes innerhalb der Völker der Welt, andere wieder sangen dem Liberalismus, dem Kosmopolitismus, der großen Arbeiterinternationale hohe Lieder und verfchmten den Zionismus, der Wahrheiten kündete, die man nicht hören wollte, weil sie unangenehm waren. Heute ist die Erkenntnis gekommen, allein sie fand bereits einen Trümmerhaufen jüdischen Oekonomik, ein Leichenfeld . . .

Und kann Palästina heute eine restlose Antwort auf die Judennot geben? Das ist die Kardinalfrage.Wir glauben heute mit einem „Nein" antworten zu müssen. Palästina ist auf eine Masseneinwanderung nicht vorbereitet. Es kann nicht Hunderttausende Juden in kurzer Zeit absorbieren. Es hieße den Tatsachen bewußt aus dem Wege gehen, wenn wir diese Frage bejahen würden. Warum Palästina nicht schon heute die Heimat aller Juden, die hingehen wollen ober müssen, sein kann, ist ein anderes Problem. Die Antwort ist sehr einfach: weil die Juden es nicht wollten und noch heute nicht wollen, weil sie Palästina als eine Sache der Zionisten betrachteten und noch betrachten, weil sie für den Wiederaufbau keine Mittel zur Verfügung stellten, weil sie fremden Göttern nachjagten, Götzen anbeteten. Hätten wir so gehandelt, wie ein gesundes, normales Volk, so wäre die Bodenreserve des Keren Kajemeth eine gewaltige, dann wäre der Keren Hajessod in der Lage, tausende Juden zu kolonisieren, Zehntausende einem neuen Beruf zuzuführen, sie wirtschaftlich in Palästina zu verankern. Und weil das jüdische Volk die Zeit verpaßte, stehen die Emigranten aus Deutschland vor den verschlossenen Toren Palästinas.

Abgesehen von diesen Tatsachen muß sich die grosse Mehrheit des jüdischen Volkes für ein weiteres Sich-Einordnen in der Galuth vorbereiten. Es müssen Wege gesucht werden, um eine Kooperation mit den Wirtsvölkern zu ermöglichen. Es darf unter keinen Umständen eine jüdische Emigration aus Deutschland propagiert werden. Man muß in Deutschland und außerhalb Deutschlands für die Besserstellung der deutschen Juden kämpfen. Es ist eine grosse Gefahr für die Juden in den anderen Ländern, wenn der Gedanke propagiert wird, die deutschen Juden aus der Hitlerschen Hölle durch Emigration zu retten. Es darf nicht zugelassen werden, datz andere Länder das Hitleristhe Rezept verwenden, um auch ihrerseits ihre Juden loszuwerden. Es scheint das Los der Juden zu sein, der Welt Märtyrer zu liefern. Denn es liegt in der Natur der Sache, datz Gegensätze zwischen dem Mehrheits- und dem Minderheitsvolke immer bestehen werden. Gegensätze, die sich umso mehr verschärfen, wenn es sich um religions- oder rassenfremde Elemente handelt.

Es ist schön und ideal, sich auf die Minderheitsrechte zu berufen, aber sie haben uns nicht um einen Schritt vorwärts gebracht. Es sind Schreckschüsse, die in der Presse abgegeben werden und Popanzen, die nur noch Kinder erschrecken. Die meisten Staaten bemühen sich, als Nationalstaaten zu gelten und wollen nicht das Gespenst der Minderheiten in ihrer Mitte dulden.

(Schluss folgt.)

Référence : Czernowitzer Allgemeine Zeitung: unabhängiges Tageblatt. Cernăuți: Institut de Arte Grafice și Editură "Eminescu", 6 septembre 1933, 30 (8534), p. 6. Également disponible sur: https://www.difmoe.eu/uuid/uuid:fac6346e-6e4b-4333-8398-ec8b95ecc23e.

Dr. Manfred Reifer:

Die Schicksalsfrage der deutschen Juden

Das Problem des Diaspora-Menschen — Schiffbruch der Assimilation

 

(Schluß.)

Wie wir erfahren, herrscht größte Bestürzung in zionistischen Kreisen und in der jüdischen Reichspartei wegen der Haltung, die Herr Dr. Reifer in diesem Artikel einnimmt. Nach der Rückkehr der Herrn Dr. Reifer aus dem Auslande werden sich die Exekutiven der beiden Parteien mit dieser Angelegenheit befassen.

Es gilt also, den Kampf unermüdlich weiterzusühren, die Hoffnung nicht aufzugeben. Wir find ein altes Volk und haben es gelernt, uns einzuordnen, uns in jeder Situation zurechtzufinden. Wir Juden erleben jetzt eine Zeit schwerster Reaktion — wir werden sie überleben, überdauern. Wir müssen unter allen Umständen eine Kooperation mit den Wirtsvölkern erstreben, dabei unsere nationale Eigenart erhalten, uns national ausleben, keinen falschen Göttern nachjagen, uns weniger um die anderen kümmern und mehr um uns selbst. Wenn dies geschehen wird, werden wir unsere Einheit schmieden, unser Schrifttunm [sic] bereichern, unsere eigene Bilanz machen und als Volk gelten, ein Volk sein. Die Heimat für all unser künstlerisches Schaffen wird Palästina sein! Die Welt wird sich dann nicht mehr mit unseren Federn schmücken. Vielleicht werden wir von Palästina aus der Welt wieder eine Bibel geben, ihr Psalmen schenken, vielleicht kommen wieder Priester und Propheten, Apostel, Erneuerer, Reformatoren, Weltverbesserer aber nicht zerstreut, sondern von einem Zentrum aus, von der Volkseinheit, vom Volksganzen. . . .

Und dann wird sich auch die Lage der Juden in der übrigen Welt verbessern. Man wird sie schätzen, achten, als Zweige einer großen jüdischen Gmeinschaft [sic] in Palästina.

Das ist keine Zukunftsmusik, sondern Realität. Das Leben zwingt uns, aktiv in die Palästina-Arbeit einzugreifen. Tausende Juden stehen heute vor dem Problem der Emigration, Zehntausende werden morgen und Hunderttausende übermorgen zum Wanderstabe greifen müssen. Die Tore der Welt sind verschlossen und die Kolonisation in Biro-Bidschan hat sich als der größte Bankrott, der Sowjets erwiesen. Alles wird an die Tore Palästinas pochen und Einlaß fordern. In den Händen des jüdischen Volkes liegt der Schlüssel, mit dem diese Tore geöffnet werden können. Es muß neben der Kooperation mit den Wirtsvölkern auch eine unbedingte Kooperation der Juden der Diaspora mit denen in Palästina bewerkstelligt werden. Geschieht dies durch Taten und nicht durch Worte allein, dann, aber nur dann, kann Palästina wesentlich die Situation erleichtern und das jüdische Massenelend steuern. Dann wird dieser Prozeß auch das Schicksal der deutschen Juden in großem Maße mitbestimmen.

Bis dahin muß für die 50.000 deutschen Flüchtlinge, die sich in den verschiedenen Ländern aufhalten, gesorgt werden. Ein großer Teil wird nach Palästina gehen, hauptsächlich die Juden, welche bereits alle Brücken hinter sich abgebrochen haben. Es werden aber auch solche Juden emigrieren, welche in Hitlers Drittem Reich gar keine Existenzmöglichkeiten haben. Man wird mit Hitlers Exponenten im In- und Auslande verhandeln müssen, um eine teilweise, organisierte Emigration in die Wege zu leiten. In der Tat werden ja auch schon von verschiedenen Seiten Verhandlungen geführt. Soeben erfahren wir, daß die Hitlerregierung den Juden, welche nach Palästna [sic] emigrieren wollen, 3 Millionen Mark freigegeben hat. Es müssen alle Versuche gemacht werden, das Los der deutschen Juden an Ort und Stelle zu verbessern. Die Lage der deutschen Juden ist sehr schlecht, allein es kann und wird nicht in Zukunft so bleiben. Alle Revolutionen haben eine Zeit her Massentobsucht, welche von einer ruhigeren Epoche abgelöstwird. Und damit: Regierungen kommen und gehen, sind nicht für die Ewigkeit bestimmt. Auch das Hitlerregime wird sich reformieren müssen und letzten Endes vom Schauplatz verschwinden. Die Herrschaft der Jakobiner dauerte auch nicht ewig. Revolutionen bringen immer Ueberraschungen. Das System wird mit der Zeit gewechselt. Am besten steht man dies in Sowjetrußland. Wieviel Wasser wurde da nicht im Lauf der Zeit in den kommunistischen Wein gegossen! Buch im Hitler-Deutschland wird es nicht anders sein. Schon jetzt sind viele Programmpunkte fallen gelassen worden.

VI.

Das Volk uralter Kultur

Bevor wir die so heikle und schmerzliche Frage der Entrechtung der deutschen Juden schließen, möchten wir eine Stelle aus einer Rede des englischen Staatsmannes und großen Gelehrten Thomas Babington Macaulay zitieren, die er vor 100 Jahren (17. April 1833) im Unterhause hielt, als es galt, die Judenemanzipation in die Wege zu leiten, die Juden zu den Staatsämtern zuzulassen. Diese Rede ist kein Dokument der Zeitgeschichte, sondern eine große Apologie des Judentums, die für alle Zeiten Geltung hat und weit über das Zeitliche hinaus geht. Mit dem Zitat dieser Rede soll die vorliegende Abhandlung geschlossen werden. Sie sollen den Zweck haben, uns Juden einen Trost in dieser schweren Zeit zu bieten.

Thomas Babington Macaulay sprach:

Der ehrenwerte Abgeordnete von Oldham sagt uns, die Juden seien von Natur ein gemeines Geschlecht, ein schmutziges Geschlecht, ein geldgieriges Geschlecht — sie hätten gegen jeden ehrenvollen Beruf eine Abneigung. Der Wucher sei das einzige Geschäft, zu dem sie taugen.

So mein Herr, haben die Fanatiker aller Zeiten gesprochen. Sie versehlen nie, zur Rechtfertigung der Verfolgung auf die Laster hinzuweisen, welche die Verfolgung erzeugt haben.

England ist den Juden weniger als ein halbes Vaterland gewesen und wir schelten sie, weil sie für England nicht Mehr als halbe Liebe fühlen. Wir behandeln sie als Sklaven und wundern uns, daß sie uns nicht als Brüder betrachten. Wir treiben sie zu niedrigen Beschäftigungen und werfen ihnen dann vor, daß sie keinen ehrenvollen Berufszweig wählen. Wir untersagen ihnen lange, Land zu besitzen, und klagen, daß sie sich vorwiegend mit dem Handel beschäftigen. Wir schließen sie von allen Pfaden des Ehrgeizes aus und verachten sie, daß sie in der Habsucht ihre Zuflucht suchen.

Während vieler Menschenalter haben wir in unserem ganzen Verkehr mit den Juden unsere unermeßliche Ueberiegenheit an Kraft mißbraucht, und nun widert es uns an, daß sie zu jener List greifen, welche die natürliche und allgemeine Waffe des Schwachen gegen die Gewalttätigkeit des Starken ist.

In der Kindheit der Kultur, als unsere Insel noch so wild wie Neu-Guinea war, als Athen weder Künste noch Wissenschaft kannte, als sich kaum eine mit Stroh gedeckte Hütte da erhob, wo später Rom stand, da hatte dieses verachtete Volk der Juden seine ummauerten Städte und seine Zedernpaläste, feine glänzenden Tempel, seine Flotte von Handelsschiffen, seine Schulen heiliger Gelehrsamkeit, seine großen Staatsmänner und Krieger, seine Naturforscher, seine Geschichtsschreiber und Dichter.

Welches Volk kämpfte je männlicher gegen überwältigende Uebermacht für seine Unabhängigkeit und seinen Glauben?

Wenn nun in dem Lauf von vielen Jahrhunderten die unterdrückten Nachkommen von Kriegern und Weisen in den Eigenschaften ihrer Väter entartet sind, dürfen wir ihnen daraus einen Vorwurf machen?

Sollten wir nicht darüber mehr Scham und Gewissensbisse empfinden?

Lassen Sie uns ihnen Gerechtigkeit gewähren! Lassen Sie uns ihnen die Tür des Unterhauses weit öffnen! Lassen Sie uns ihnen jede Laufbahn eröffnen, in der man Geschicklichkeit und Tatkraft zeigen kann!

Bis wir dies getan haben, lassen Sie uns nicht sagen, es gebe unter den Landsleuten des Jefaias kein Genie und unter den Nachkommen der Makkabäer keinen Heldenmut!"

Référence : Czernowitzer Allgemeine Zeitung: unabhängiges Tageblatt. Cernăuți: Institut de Arte Grafice și Editură "Eminescu", 7 septembre 1933, 30 (8535), p. 6. Également disponible sur: https://www.difmoe.eu/uuid/uuid:146a6df5-36ce-43e2-9be1-0c0762594c85.



Dr. Bernhard Pistiner

Der Nazi-Artikel Dr. Manfred Reifers

Einem „jüdischen“ Führer ins Stammbuch

 

Sehr geehrter Herr Redakteur!

Ich bringe der Tatsache volles Verständnis entgegen, daß Sie es unterlassen haben, einen Artikel Ihres bewährten Mitarbeiters und gewesenen jüdischen Deputierten Dr. Manfred Reifer zu zensurieren, der die Oeffentlichkeit in einem besonderen Maße aufgewühlt hat. Gewiß steht Ihnen als objektive Zeitung nicht das Recht zu, Meinungsäußerungen jüdischer Führer zu unterprücken und anerkannt jüdischen Persönlichkeiten — Herr Dr. Manfred Reifer ist jetzt sogar ins große zionistische Aktionskomitee gewählt — die Publizität zu verweigern, umsomehr, als Herr Dr. Manfred Reifer ein ständiger Mitarbeiter Ihrer Zeitung ist, und als Politiker mittendrin im öffentlichen jüdischen Leben steht und vom Vertrauen einer jüdischen Partei getragen wird, für seine Meinungsäußerung selbst einzustehen hat. Wir aber, die anderer Meinung sind, bitten Sie um dasselbe Gastrecht zu einer Entgegnung. Wenn die nachfolgenden Zeilen etwas schärfter ausgefallen sind, als Sie es bei mir gewöhnt sind, so bitte ich Sie, dies menier [sic] Erregung über die unfaßbaren und unmöglichen Anwürfe gegen das jüdische Volk, die ich mit der gesamten Czernowißer jüdliche Bevölkerung seite, zugute zu hatten. Ich danke Ihnen nochmals für Ihr Gastrecht

hochachtungsvoll Dr. Bernhard Pistiner.

Nach dem neuerlichen sogenannten Ausbruch der deutschen Nation wurde vermeldet, daß auch Meyer's Konversationslexikon in den heiligsten Dienst der nationalsozialistischen Nation eingeschaltet wurde. Da wurden mit scheinbarer Wissenschaftlichkeit zu Nazi-Evangeliums kanonisiert all die Hetz- und Haßäußerungen hemmungslos sich austobender Antisemiten, angefangen vom Pamphletisten und Ehrenmann Wilhelm Marr, der übrigens ein Sohn eines jüdischen Schauspieler, war — über den Pöbel- und Radauantisemiten Stöcker, Heinrich Treitschke, dem krankhaft leidenschaftlichen Judenhasser Eugen Dühring bis zum tollwütigen Blut- und Rassenantisemiten Chamberlain. Was, alles seither noch wüste Demagogie und antisemitische Hetz- und Radauliteratur zusammengeklittert haben, wurde zum offiziellen Nazi-Staatskatechismus. Und gehorsam, wie halt alles jetzt in Deutschland ist, findet auch diese Pseudowissenschaft Eingang in den gehorsamen Verlag von Meyer’s Lexikon. Dieser Afterwissenschaft, deren Weltanschauung von der übrigens gar nicht erforderlichen Wiedergeburt Deutschlands darin besteht, die Juden auszumerzen und den nicht gleichgeschalteten Menschen das größtmöglichste Leid zuzufügen, sucht den Nachweis zu erbringen, daß die Judenverfolgung in Deutschland nicht einen Akt persönlicher Gehässigkeit, auch nicht das Hervortreten persönlichen Chauvinismus ist, sondern zwangsläufig einfach eine natürliche Selbstbesinnung der deutschen Nation auf jene Grundlagen, aus denen die deutsche Stadt, das deutsche Rechtsleben, die deutsche Kunst und Wissenschaft erwachsen sind.

Nur in diesem nunmehr gleichgeschalteten Meyer's Lexikon kann der Ausgangspunkt der sonntägigen Enunziationen Dr. Manfred Reisers sein. Als ob Herr Dr. Reifer mit Hermann dem Cheruster im Teutoburgewalde Eicheln gegessen hätte, schweigt er darin, den umständlichen Nachweis zu erbringen, daß Alfred Rosenberg, Julius Streicher, Göring und Goebbels mit ihren barbarischen Methoden und wildem Terror nur Vollstrecker einer tiefen historischen Zwangsläufigkeit sind. Die von Hitler-Deutschland ausgehende furchtbare Erschütterung des Glaubens an die Menschlichkeit, die nicht nur uns Juden sondern die ganze Menschheit durchzittert und aufwühlt, ist nach Manfred Reifers rationalistischem Wahn nichts anders als die vernunftgemäßige Folge davon, daß der deutsche Jude das Zion aus seinem Gebetbuche gestrichen und den Sonntagsgottesdienft eingeführt hat. Weil die deutschen Juden den Gang der Geschichte nicht verstanden haben (das können nur Historiker wie M. Reifer) müssen tausende jüdische Verbrecherschweine ohne jedwedem Grund auf der Flucht erschossen und in Konzentrationslagern zu Tode gemartert werden. Weil die Juden aktiv ins deutsche Leben eingegriffen haben, dürfen sie zu Tausenden gekillt werden. Weil Juden Nobelpreisträger sind, müssen die Juden als Untermenschen behandelt werden, die man mit allen Mitteln loswerden muß. Weil die Juden Weihnachtsartikel in der Presse geschrieben haben, dürfen die Juden aus niedrigsten Rasseninstinkten und Rachegelüsten heraus gehetzt, gemordet und geschändet werden. So billigt es Herr M. Reifer. Aber Herostrat war ein schlechter Baumeister. Und Herr M. Reifer, der seine Vielseitigkeit gern zur Schau trägt, war schlecht erleuchtet (trotz der seinerzeitigen taghellen Illumination in manchen Gebirgsdörfern zu Ehren seiner Deputiertentätigkeit) als er dieses ungeheuerliche Dokument famoser Unwissenheit, Sklavenmoral und nationaler Perfidie zum besten gab. (Beweis für letzteres das Triumpfgeschrei der „Deutschen Tagespost" und die Aufforderung an die deutsche Gasse, diesen Artikel einzurahmen.) Seine Wertung des Schaffens deutscher Juden ist nicht nur ein verrückter Versuch, durch Tiftelei [sic] eigene Ruhmsucht zu befriedigen, sondern auch ein folgenschweres Attentat gegen das Judentum.

Geradezu als Handlanger der Nazis entpuppt sich Herr M. Reifer, wenn er pathetisch ausruft: „Wir Juden läuteten die Glocken und riefen zu stillem Gebet, wir Juden bereiteten das Abendmahl vor und wir feierten die Auferstehung, wir Juden servierten dem deutschen Volke seine Religion ist unserem, im jüdischen Gefäß. (Ahi! zu sein Kopf!) Herr M. Reifer! Könnten Sie uns nicht sagen, woher Sie das wissen? Wann und wo taten dies die Juden? Obwohl Sie, Herr Reifer, ein Schwärmer und Anbeter der Nazi-Ideologie sind, dürfen Sie als Mordsnationalist nicht mit solch brutaler Geringschätzung über die Leistungen der Juden in Deutschland sich hinwegsetzen.

Abgesehen hievon, dass es eine maßlose Ueberheblichkeit und Ueberschätzur Ihrer Person ist, wenn Sie es wagen, über Heine zu schreiben, so ist es geradezu eine leichenschändliche Pietätlosigkeit, wenn sie [sic] in alberner Weise nachäffen, Heine hätte arische Art verjudet. Hören wir einen Patentantisemiten, dessen Aufgabe es ist, den Judenhaß literarisch zurecht zu zimmern, einen gewissen Karl Bleibtreu, noch vor Heinz Evers [sic] der Barde des nationalsozialistischen Erwachens. . . . „— — — — [= Dies „so brauchen wir gar keinen Kaiser“ habt] haben ihn (Heine) natürlich bei allen Hurrapatrioten anrüchig gemacht. Aber deshalb die deutsche Gesinnung dessen zu verdächtigen, geht wohl nicht an, der alle deutschen Bratenbarden mit einem unvergleichlichen vaterländischen Liede totschlägt! „Deutschland ist noch ein kleines Kind, doch die Sonne ist seine Amme", das kein echter Deutscher ohne Herzklopfen hören sollte. Nirgendwo hat echter deutscher Nationalstolz so große Worte gelassen ausgesprochen. Wenn der, der solches singt, kein großer Deutscher ist, wer ist denn einer?" So schreibt zwar ein offizieller Antisemit, weil er trotz allem von der Gottnatur Heines tiefes Erschauern empfindet, aber Herr Manfred Reifer besudelt das glorreiche Andenken Heinrich Heines.

Im Uebrigen, was weiß Herr Reifer vom Schaffen Liebermanns, an den sich weder in Wort noch in Tat die sonst wenig geschamigen Nazis heranwagen? Aber Herr Manfred Reifer tut dieses Genie mit einem Satz ab. Herr M. Reifer richtet im ebenbürtigen Nazisinne eine Scheidewand zwischen Judentum und Deutschtum auf. Es ist ja richtig, daß in Deutschland die Juden infolge ökonomischer Möglichkeit es zu höherer Bildung gebracht haben. Aber lassen wir Herrn Reifer gelten, und die Juden hätten in Deutschland durch Zinsknechtschaft und dgl. das deutsche Volk geschädigt, so haben andere deutsche Juden das deutsche nationale Vermögen um das hundertfache der Schädigung erhöht (Hertz, Rathenau, Wassermann, Ehrlich Salversan [sic]-Milliarden, Fritz Haber usw.) Die Juden haben dem Wirtsvolke in materieller Beziehung allein ein Vielfaches dessen zurückerstattet, was sie an seiner Substanz (in der Nazisprache)) angenagt haben.

Herr Reifer ereifert sich über die Assimilation der deutschen Juden. (Wir wollen und können in einem Zeitungsartikel nicht tiefgründige Untersuchungen über das Wesen der Assimilation anstellen). Wir wollen hier gestehen, daß die überlegene deutsche Kultur naturgemäß die mit jüdischen Wissen (historisch und ökonomisch bedingt) wenig ausgestatteten deutschen Juden an sich zog und sie durchtränkte. In Wirklichkeit bedingt die Kultur die Gemeinsamkeit einer Nation und kein anderes Kennzeichen wie Rasse und dgl. Konjunkturphrasen. Die Superiorität der deutschen Kultur gab auch den Juden Deutschlands ihren Stempel. Ihnen daraus einen Strick zu drehen, daß sie in diese Kultur ein- und aufgingen, gehört eben jener unverfrorene pöbelhafte nationale Wahn, wie er sich jetzt in Deutschland austobt und seine Anhänger und Anbeter auch außerhalb der Grenzen Deutschlands findet. Daß zu ihnen die Braunhemden der Juden (darüber ein andersmal) und Zionistenführer a la Reifer finden, beweist eben die suggestive Macht der nationalistischen Wahnidee überall. Daß die Juden wahre Wissenschaft geschaffen haben, beweist schon die große Zahl der Nobelpreisträger. Es wird den Juden vorgeworfen, daß sie in Operette und Film das deutsche Volk verseucht haben. Abgesehen von der Unwahrheit dieser Behauptung, wie viele Deutsche haben dabei ihr Brot gefunden? .

Ferner wann und wo traten die Juden den Deutschen als Feinde gegenüber?

Hingebungsvoll und stolz auf ihr deutsches Vaterland, halfen sie [sic] das Nationalvermögen der Deutschen mehren, mögen darüber die Nazzis [sic] kläffen wie sie wollen.

Gewiß, es gibt Auswüchse. Aber es gehört eben nationalistischer Unverstand und Borniertheit, einen ganzen Volksteil für Einzelne verantwortlich zu machen.

Hitler und die Seinen posaunen, daß jetzt in Deutschland das wahre tausendjährige Reich angebrochen ist. Das ist nicht wahr. Die Hitlerei ist ein Konjunktur-Ereignis der ungeheueren Weltdepression. Sie ist nur eine Phase im verzweifeltem Suchen der derouten kapitalistischen Welt nach irgend einer Lösung. Ist einmal die Losung [sic] gegeben, und sie wird gefunden werden, dann wird auch der Barbarei der Naziheroen die letzte Stunde geschlagen haben. Und der ganze theatralische Plunder und der noch nie dagewesene Feuerwerkszauber und das sonstige Gepolter werden bloß eine schandhafte Erinnerung sein.

Ueber konjunkturbeflissen be—schmutzt [sic] Herr Manfred Reifer das eigene Nest. Die Motive, die diesen Herrn veranlaßt haben, diesen Schandartikel zu schreiben, sind für mich unfaßbar. Wohl sagte mir ein Freund und Parteigenosse dieses Herrn, den ich deshalb interpellierte, „ich als Arzt werde es besser verstehen, warum Manfred Reifer, diesen Artikel.geschrieben hat."

Denn auf andere Motive, wie etwa, Herr M. Reifer will als unjüdischer Jud für Zukunft seine Visitkarte abgeben oder dgl. will ich mich vorläufig nicht einlassen.

Référence : Czernowitzer Allgemeine Zeitung: unabhängiges Tageblatt. Cernăuți: Institut de Arte Grafice și Editură "Eminescu", 7. 9. 1933, 30 (8535), p. 2. Disponible également sur : https://www.difmoe.eu/uuid/uuid:47b706aa-9588-4740-bade-8a8f7c565783.

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